Recherchen zum Mythos des Primitiven

Die Broschüre „Recherchen zum Mythos des Primitiven“ ist das Ergebnis einer breit angelegten Zusammenarbeit von Studierenden der Wiener Kunstschule aus allen Fachbereichen, Lehrenden aus den Fachbereichen Grafik Design und Graphik und der Kunstvermittlung des Kunstraums Niederösterreich.

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde koordiniert vom Fachbereichs Wissen und Reflexion und dabei ging es insbesondere um die Darstellung und Vermittlung eines größeren Problemhorizonts, in dem sich Fragen nach der Mythologisierung des Primitiven kunst- und kulturgeschichtlich verorten lassen.

Zur gemeinsamen Reflexion dieser Fragestellungen fand ein begleitendes Forschungsseminar statt, in dem es im Wesentlichen darum ging, die scheinbare Faktizität des „Primitiven“ als eine Konstruktion des okzidentalen Denkens erkennbar zu machen, um dieses vielgestaltige Konstrukt einer kritischen Dekolonialisierung unterziehen zu können.

Diese Auseinandersetzung diente als auslösendes Moment einer anschließenden Spurensuche, in der die Studierenden aufgefordert waren, Symptome von Primitivismen in der Alltags- und Gegenwartskultur zu entdecken. Die daran anschließenden selbständigen Untersuchungen orientierten sich an einer kollektiv erarbeiteten Fragestellung: Welche Vorstellungen von „Ursprünglichem“ und welche Anzeichen von „Archaischem“ finden sich in meiner Lebenswelt? Und: Was für eine Art von Hinweisen für welche Formen von Zivilisationsmüdigkeit, Kulturkritik und Verwilderungswünschen lassen sich daraus gewinnen? Die vorliegende Broschüre versteht sich als die Dokumentation der unterschiedlichen Antworten, die im Verlauf dieses künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprozesses artikuliert wurden.

 

Lebe wild und gefährlich!
Tom Waibel

„I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.
Henry David Thoreau: Walden, or Life in the Woods (1854)

Ich möchte angesichts der nun vorliegenden Broschüre „Recherchen zum Mythos des Primitiven“ nur eine kleine Schneise durch das Dickicht der weitreichenden Problematik schlagen. Primitivismus bezeichnet nicht die Kunst von vermeintlich „Primitiven“, sondern ein künstlerisches Phänomen der europäischen Moderne, in dem der Anspruch formuliert wurde, sich von der Kunst der Wilden und Nichtzivilisierten inspirieren zu lassen. Gaugin könnte mit einigem Recht als der erste Primitive Europas bezeichnet werden, schrieb er doch bereits  einige Jahre vor seinen Abenteuern in Tahiti, „ich gehe nach Panama, um dort wie ein Wilder zu leben“. Doch die Realität des wilden Lebens barg stets ganz andere Gefahren, als die darin erhofften oder vermuteten. Im Falle Gaugins zwangen ihn seine finanziellen Schwierigkeiten sich als Arbeiter beim Bau des Panamakanals zu verdingen. Von dieser Erfahrung ernüchtert, verlagerte er seine Vorstellung vom exotischen Paradies nach Ozeanien. Er träumte von Inselbewohnerinnen, die vom „Leben nichts anderes als seine Süße“ kennen sollten. Er wurde auch dort enttäuscht, und wir haben allen Anlass zur Vermutung, dass bereits Bougainvilles Reisebericht aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert eine Verdichtung von dreisten Projektionen war. Gaugins Traumvorstellungen der Südsee waren maßgeblich an diesen Idealisierungen orientiert. Vielleicht aber sind diese Exotismen (und deren Ent-täuschungen) gar nicht dem Weltumsegler anzulasten, immerhin bestand Victor Hugo darauf, dass es Rousseau wäre, der „an allem schuld“ gewesen sei. Hugos „alles“ meint einen neuen und distanzierten Blick auf den Prozess der Zivilisation, der die Wahrnehmung der nicht-europäischen Fremden idealisiert. Diese Verschiebung produziert einen folgenschweren Widerspruch: Die neuen Vorstellungen mochten wohl zu einem gewissen Grad den moralischen Versuch zur Aufhebung von Ungleichbehandlungen beinhalten, doch die Konstruktion von „Edlen Wilden“ vergaß völlig auf deren miserable Lebensumstände und grausame Unterdrückung als Folgen des europäischen Kolonialismus.

Der eingangs zitierte Thoreau schien um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Lösung dieser Widersprüchlichkeiten anzubieten, sein Wunsch nach den wilden Wäldern der Freiheit beinhaltete eine entschiedene Unabhängigkeit von Staatlichkeit und Herrschaftsanspruch. Der Dichter hielt es immerhin zwei Jahre in seiner Waldhütte aus, doch der großen Wildheit begegnete er dabei nie – er lebte während all der Zeit nur einen Spaziergang weit von seiner Mutter entfernt, der er regelmäßig seine Wäsche brachte …

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