Stefanie Hempel: Frauenspezifische Perspektiven von öffentlichen und privaten Räumen am Beispiel von Margarete Schütte-Lihotzky

Morphologie 2009 (Orientierungsjahr)

Die Auseinandersetzung mit der 1897 in Wien geborenen Persönlichkeit Margarete Schütte-Lihotzky ist von Schlagworten wie „erste Architektin Österreichs“, „Erfinderin der Frankfurter Küche“, „Pionierin der sozialen Architektur“, „Aktivisten der Frauenbewegungen“ oder „Heldin  des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur“geprägt. Wie viele Frauen wurde ihr erst im hohen Lebensalter die ihr gebührende Ehre zuteil: wegen ihrer beruflichen Gesinnung als Kommunistin beruflich in Wien ab 1946 diskriminiert – sie  erhielt von der Stadt Wien keine Aufträge-  erhielt sie erst 1980 den Preis für Architektur der Stadt Wien und 1988 mit 89 Jahren das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Sie starb wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag.
Die Auseinandersetzung mit ihrer unterschiedlichen Übernahme von Rollenbildern oder einer Mystifizierung ihrer Person soll hier aber nicht im Vordergrund stehen. Vielmehr die Frage, was diese Pionierin  mit Architektur verband, wie sie Wohnqualität schuf und damals noch frauenspezifische Arbeitsräume bzw. Orte des sozialen Lebens konstruierte. Dies sei am Beispiel der Frankfurter Küche und dem Bau von Kindergärten erläutert.

Im Alter von 18 Jahren fasste sie den Entschluss, Architektin zu werden, weil man „etwas zweidimensional zeichnet, was in die Wirklichkeit umgesetzt dreidimensionale Räume schafft, in denen sich Menschen wohl und glücklich fühlen oder auch Missbehagen empfinden“ (Zieher, 1999: 10). Ein 1917, also zwei Jahre vor ihrem Abschluss,  in der Architekturklasse von Oskar Strand der Kunstgewerbeschule (heutige Universität für Angewandte Kunst) durchgeführter Wettbewerb für Arbeiterwohnungen ist für sie der Beginn, sich mit sozialen Komponenten der Architektur nicht nur auseinanderzusetzen, sondern eine genaue Analyse sozialer Rahmenbedingungen als Ausgangspunkt ihres planerischen Zugangs zu machen. So entwirft sie z.B seriell fertigbare Kernhäuser mit leistbarer Grundausstattung, die es ihren BewohnerInnen gestattet- je nach finanzieller Situation- die Häuser ihren Vorstellungen und Bedürfnissen entsprechend zu erweitern. Dahinter stecken Überlegungen, Arbeiter nicht nur in kollektiven Gemeindebauten unterzubringen, sondern das Recht des Menschen auf ein eigenes Heim (möglichst im Grünen) zu verwirklichen, die architektonische Entscheidungsallmacht zugunsten eines teildemokratischen Prinzips an die BewohnerInnen abzutreten und betont die Wichtigkeit der Kommunikation im Netzwerk aller Beteiligten (vgl. Werkner, 2008: 15f). Als Befürworterin des funktionellen Bauens für die Massen verfolgt sie schon früh die Idee der Normierung der Bauteile, um die Kosten so günstig wie möglich zu halten (Werkner, 2008: 25).

„Dieses Ineinandergreifen von gesellschaftlichen, sozialen, technisch-wissenschaftlichen und künstlerische Problemen der Architektur- das war es, was mich […] mit der Architektur gefühls- und verstandesmäßig verband“ (Schütte-Lihotzky, 1993 zit. n. Werkner, 2008: 25). Die Frage nach einer männlichen oder weiblichen Architektur gibt es für sie ebenso wenig wie es eine männliche oder weibliche Musik gebe (vgl. Zieher, 1999: 8)

Die Ansiedelung ihrer Ideen im Verhältnis von Gestaltung und Gesellschaft entspricht auch den Ideen Walter Gropius‘ der 1919 das Bauhaus gründete und das „Primat der Gestaltung als politische Idee im Gegensatz zur akademischen Tradition einer vordergründig ästhetischen bildenden Kunst“ formulierte und Hannes Meyer, späterer Direktor der Bauhausschule, der schrieb „als Gestalter […] ist unsere Tätigkeit gesellschaftsbedingt“ (Werkner, 2008: 5).

Abb. 3: ‚Küche für einen Haushalt ohne Haushalts- hilfe‘ von M. Schütte-Lihotzky 1927, Ansicht

Eine wesentliche Komponente des in der Öffentlichkeit herrschenden Bildes Schütte-Lihotzkys ist die so genannte Frankfurter Küche, die, in den späten 20er Jahren als erste funktionale Einbauküche entworfen, in tausendfacher Ausführung den Beginn ihrer internationalen Karriere markierte (vgl. Werkner, 2008: 1). Bereits seit 1922 beschäftigte sie sich mit der Frage, wie eine „unrationelle, oft so primitive, auf jeden Fall zeit- und kraftraubende Arbeitsweise“ durch wissenschaftlich durchdachte Arbeitsmethoden zu ersetzen seien (vgl. Schütte-Lihotzky, 2004: 159).  Es kam den damaligen bürgerlichen Vorstellungen entgegen, dass eine Frau als Architektin am Besten wisse, was für das Kochen wichtig ist. Schütte-Lihotzky hat bis zur Schaffung der Frankfurter Küche, welche 1926 im Frankfurter Rathaus ausgestellt wurde, jedoch „nie einen Haushalt geführt, nie gekocht und keinerlei Erfahrung im Kochen gehabt“ (Schütte-Lihotzky, 2004: 150). Das sozio-technische Reformprojekt bedachte in seinen Entwürfen als einer der ersten Alleinstehende sowie berufstätige Mütter, da sie die Rationalisierung der Hauswirtschaft als zwingende Notwendigkeit für das Streben der Frauen nach ökonomischer Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung betrachtete. Die Verkürzung der Arbeitswege durch ein neues, funktionales Design sollte die Arbeit in der Küche professionalisieren und zweckmäßiger gestalten: „Jeden Handgriff sollte man abmessen, die Zeit, die man hierfür benötigt, sollte man mit der Stoppuhr abmessen, jeden Schritt sollte man zählen und sozusagen auf die Wagschale legen. Man müßte Berechnungen aufstellen, ob man nicht etwas, wozu man heute etwa zehn Handgriffe benötigt, nicht mit achten abmachen könnte“ (Schütte-Lihotzky, 1921; In: Zieher, 1999: 96) um ausgehend von diesen genauen Berechnungen Grundrisse anzufertigen.
Hinter diesem emanzipatorisch angelegten Gestaltungsansatz verbirgt sich jedoch die Problematik, dass die Verwissenschaftlichung und Effektivierung der Hausarbeit wesentlich dazu beitrugen, die Rolle der Frau in ihr festzuschreiben, denn die „Hausfrau“ wird dadurch noch lange nicht von den traditionellen Pflichten erlöst, sie müssen diese Arbeiten weiterhin ausführen, auch wenn sie professionalisiert sind. Es wird unterstellt, dass die mangelnde Qualität des Lebens von Frauen technisch und nicht durch Änderung ökonomischer und politischer Grundstrukturen zu ändern ist. Außerdem impliziert es, dass die Arbeiten anderenfalls zur untragbaren Last würden, dass Kochen keinen Spaß macht. Trotzdem wurde und werden die Tätigkeiten zu Hause als für unsere Gesellschaft unproduktive Beiträge und als unattraktives männliches Integrationsfeld angesehen, obwohl sie lebenserhaltend sind (vgl. Werkner, 2008: 43ff).
Des Weiteren normiert die ‚Frankfurter Küche‘ das Subjekt, das Kochen und die Hausarbeit. Der Herd etwa hat eine bestimmte Höhe, er normiert dadurch den Körper als richtig, zu groß oder zu klein. Die Lage von Spüle zu Abtropfbrett, der Ort des Bügelbrettes lassen den Rechtshänder zum ’Richtighänder’ werden. Wegen der Ausmaße der Küche kann kochen nicht gemeinsam stattfinden und so kein geselliges Ereignis sein (vgl. http://www.tu-cottbus.de/theo/Lehrstuhl/deu/Gebrauch.html).

Zurück zur Konzeption und Ausstattung der Frankfurter Küche: eine Küche mit zwei mal zwei Meter vierzig sollte für eine sechs bis achtköpfige Familie reichen, und mit dem Bau fest verbundene, raumangepasste Einrichtungsgegenstände wie eingelassene Schränke mit Glastüren, einen Gasherd von 50 mal 50 cm, eine Dunsthaube, ein kleiner Schrank mit Entlüftung zum Aufbewahren von Eiern, Fleisch, Butter usw., einen kleinen Schrank mit Laden für Reis, Gries, einen Tisch, die Abwasch mit zwei Becken und beiderseitigen Ablaufbrettern, darüber eine Nische für die dazu benötigten Utensilien wie Seife etc., beinhalten. Die raumangepassten Möbel, die auch Betten, Schränke u.ä. umfassten, reagierten auf die damals aufkommende Tendenz zunehmender Mobilität, und unterstützte damit die Flexibilität der Menschen, da bei einem Umzug nur mehr Tische und Stühle mitzunehmen seien, und man sich gegebenenfalls die Anschaffung neuer Geräte erspare (Schütte-Lihotzky, 2004: 151). Die ganze „Kochnische“ sollte sich dem Wohnraum, durch eine Tür abtrennbar, anschließen. (Schütte-Lihotzky, 1921; In: Zieher, 1999: 97f). Damit fand eine räumliche Trennung von essen und wohnen statt, die in Wien nur Leuten aus der gehobenen Schicht vorbehalten war. Auch Loos propagierte diese, im anglikanischen Raum bereits bestehende Wohnkultur. Schütte-Lihotzky betonte die Wichtigkeit der Zusammenhänge und „projektmäßige, technische und finanzielle Verschmelzung von Wohnungsbau und Einrichtung“ in Bezug auf die Realisierung der Frankfurter Küche.

Zur Bauaufgabe Kindergarten
Frühe Formen institutionalisierter Betreuung waren private Verwahranstalten, die eher dem Grundriss eines Schulgebäudes glichen. Erst in den 1920er Jahren entwickelten Vertreter der Moderne, oft in Zusammenhang mit der Pädagogik Maria Montessoris, eigenständige, großzügig angelegte Gebäude.
1929 projektierte Schütte-Lihotzky einen Kindergarten für die Siedlung Praunheim für drei
Abb. 4 Kindergarten Kapaunplatz
Gruppen im Pavillon-System, das alle Räume durch eine zentrale Gartenhalle miteinander
verband. Die Gruppenräume berücksichtigten den Blickwinkel des Kindes, sollten die „innige Verbindung zwischen den Räumen und der Natur zum Ausdruck bringen“ Schütte-Lihotzky, 2004: 168), Rückzugsmöglichkeiten für die Kinder bieten, Wohncharakter, tief liegende Fenster und Querlüftungen durch Belichtung von mehren Seiten haben und einzeln versperrbar sein etc.
„Die Architektur aller Kinderhäuser soll Klarheit, Licht, Luft und Sonne atmen und die Heiterkeit einer fröhlichen Kindheit ausstrahlen“ (Schütte-Lihotzky, 2004: 169).
Sie war sich bewusst, dass die unmittelbar gestaltete Umgebung einen nachhaltigen Einfluss auf Menschen (auch im frühesten Kindesalter) ausübt und berücksichtigte daher pädagogische, architektonische und medizinische Gesichtspunkte. Dieser bereits genehmigte Plan wurde jedoch aufgrund der Weltwirtschaftskrise und ihrer Berufung nach Moskau nicht realisiert (vgl. Schütte-Lihotzky, 2004: 170). Dort arbeitete sie als Leiterin der Abteilung für Kinderanstalten und entwarf aufgrund des hohen Bedarfs Typenprojekte und Kinderklubs für die klimatisch unterschiedlichen Bauplätze. Es entstanden unter anderem auch Maßstabtabellen als Grundlage für kindgerechte Einrichtungsgegenstände, die sei mit ÄrztInnen und PädagogInnen entwickelte und klapp-, stapel- oder umfunktionierbare, leicht reinigende Gegenstände.
Margarete Schütte-Lihotzky versuchte 1945 und 1947 ein Bauinstitut für Kinderanstalten in Wien ins Leben zu rufen, was beide male abgelehnt wurde. Sie baute hier noch zwei Kindergärten, und verfasste eine Entwurfslehre für Kindergärten. Aus heutiger Sicht ist die Trennung der Gruppen überholt, da zunehmend offene Häuser geführt werden, in denen die Kinder nicht an eine Gruppe gebunden sind, und auch die Grundstücksfläche von 40-50 m2 pro Kind, die sie forderte, während diese in Wien bei etwa 30m2 liegt, was vergleichsweise noch gut ist. Ihre Forderungen nach Überschaubarkeit, Offenheit, Ausblick, Transparenz, räumliche Vielfältigkeit, ihre analytische Auseinandersetzung mit der Aufgabe sind hingegen weiterhin aktuell (vgl. Werkner, 2008: 33).

Abschließend sei angemerkt, dass Margarete Schütte-Lihotzkys umfassendes Werk aufgrund ihrer der hier vorgestellten Arbeiten nicht auf das stereotyp weiblich besetzte Betätigungsfeld Küche und Kinder reduziert werden darf oder so etwas beabsichtigt wurde.

Literaturverzeichnis

Schütte-Lihotzky, Margarete: Einiges über die Einrichtung österreichischer Häuser unter besonderer BErücksichtigung der Siedlungsbauten.- IN: Zieher, Anita (1999): Auf Frauen bauen. Architektur aus weiblicher Sicht.- Salzburg: Anton Pustet.

Schütte-Lihotzky, Margarete (2004): Warum ich Architektin wurde.- Salzburg: Residenz Verlag.

Werkner; Patrick (Hg.) (2008): Ich bin keine Küche. Gegenwartsgeschichten aus dem Nachlass von Margarete Schütte-Lihotzky.- Wien: Universität für Angewandte Kunst.

http://www.tu-cottbus.de/theo/Lehrstuhl/deu/Gebrauch.html. 17.5.2009

Abb.1 www.uni-ak.ac.at/…/schuette-lihotzky.html