Reiche Eltern für Alle! Bildungsproteste im Spiegel ihrer Slogans

Dr. Tom Waibel, Kunst- und Kulturphilosoph

„Reiche Eltern für Alle!“, diese grotesk anmutende Forderung beanspruchte während der ersten Tage im besetzten Audi-Max der Uni Wien einen prominenten Platz links neben der Bühne. Unweit entfernt davon ein Plakat in Form eines Farbtabletts und inmitten bunter Farbklekse die bedeutend nüchternere Botschaft der Studierenden der kunstschule.or.at: „Die kunstschule.or.at ist solidarisch“. Solidarisch womit? Mit der Forderung nach reichen Eltern für alle? Welchen Sinn hat dieser erstaunliche Slogan in der aktuellen Auseindersetzung um Bildung als einem wesentlichen Ort des Konflikts um den Besitz von Wissen, die Reproduktion der Arbeitskraft und die Herstellung sozialer und kultureller Stratifizierung?
Nehmen wir es gleich vorweg: Die These der hier angestellten Überlegungen besteht darin, dass sich aus dieser paradoxen Forderung nur dann Erkenntnis gewinnen lässt, wenn wir voraussetzen, dass öffentliche Bildungsinstitutionen wie Schule, Hochschule oder Universität nicht einfach weitere Institutionen sind, die der staatlichen und gouvernementalen Kontrolle unterworfen sind, sondern darüberhinaus entscheidende Orte, an denen breitere soziale Auseinandersetzungen um das Selbstverständnis von gesellschaftlicher Organisation gewonnen oder verloren werden.
Aus einer solchen Perspektive wird aus dem eingangs zitierten Slogan mehr als die groteske Forderung nach Wohlstand und verallgemeinerter Faulheit. Aus diesem Blickwinkel verweist der Wunsch nach reichen Eltern auf eine Serie sozialer Verhältnisse, von denen Bildung oft unterschwellig, aber darum nicht weniger deutlich bestimmt ist: Etwa die mangelnde soziale Durchlässigkeit des bestehenden Bildungssystems, in dem nur wenige darauf hoffen können, ein Bildungsniveau zu erreichen, das über dem ihrer Eltern liegt. Oder die mangelnde soziale Gerechtigkeit, die in den Überlegungen zu kostenpflichtigen Bildungsinstitutionen vorherrscht. Oder die mangelnde soziale Utopie, die in Ansätzen zu Zugangsbeschränkungen zur Bildung liegt, in einem Land, das im europäischen Vergleich kaum AkademikerInnen hervorbringt. Oder das mangelnde Verständnis um das fragile Gleichgewicht des sozialen Friedens, das durch die Diskrimierung ausländischer Studierenden immer prekärer wird.
„Reiche Eltern für alle!“ erscheint in diesem Licht als ebenso treffsichere wie spöttische Antwort auf fehlende gesellschaftspolitische Visionen im Bildungsbereich, doch die Dynamik des Bildungsstreiks hat diese skurrile Forderung bereits nach wenigen Tagen zugunsten anderer, viel weitreichernderen Anliegen untergehen lassen. Die neu erreichte Dimension des Protests wurde wohl am deutlichsten durch jenes gigantische Transparent an der Akademie der bildenden Kunst illustriert, auf dem in riesenhaften Lettern festgehalten war: „Wir wollen kein größeres Stück vom Kuchen, wir wollen die ganze Bäckerei!“
Es ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert festzuhalten, dass die aktuelle Streikbewegung ausgerechnet von einer Kunstakademie ihren Ausgang nahm. Neoliberale Ideen, eine bedeutende Grundlage für den derzeit im Gang befindlichen Umbau des Bildungssystems, sind wesentlich von einer Vorstellung von individueller Freiheit getragen, die ohne Rücksicht auf kollektive Anliegen oder gar Umverteilungen das Recht auf individuelle Innovation und Kreativität proklamiert. In dieser Hinsicht bot die Vorstellung eines autonom agierenden, kreativen und  individuellen KünstlerInnensubjekts das ideale „role model“ neoliberaler Produktivität. Es besteht nicht nur ein deutlicher Trend, in künstlerische Institutionen vermarktbare Mechanismen der Creative Industries einzubauen, Kunstschulen  zeigen im allgemeinen die Tendenz, Paradigmen zu institutionalisieren, innerhalb derer die künftigen Kunst- und KulturproduzentInnen für einen umfassend flexibilisierten und prekarisierten Kreativmarkt fit gemacht werden sollen. Kunstschulen sind jene Bildungsinstitutionen par excellence, in denen Produktionsweisen eingeübt werden sollen, die hohe kommunikative und kognitive Fähigkeiten voraussetzen, nahezu unbegrenzte Flexibilität im Einsatz der Arbeitskräfte verlangen und ein ebenso permanentes wie kreatives Reagieren auf Unvorhergesehenes erfordern. In Kunstschulen sollen Studierende damit vertraut gemacht werden, nicht einfach Arbeitskraft, sondern vielmehr Persönlichkeit, Intellekt, Ausdrucksvermögen und Affekt in den Produktionsprozess einzubringen.
Aus dieser Perspektive entpuppt sich die derzeitige „Krise des Bildungssystems“ als Reaktion auf die tiefgreifende Krise im Finanzsystem, im Zuge derer bedeutende öffentliche Gelder in marode Spekulationsunternehmen gepumpt wurden – gesellschaftliche Mittel, die im Bildungsbereich aussichtsreicher angelegt wären. In dieser Hinsicht überrascht es nicht, dass ausgerechnet in Kunstschulen, den bisherigen Laboratorien neoliberaler Haltungen, die radikalste Absage an die im Gang befindliche Umverteilung von unten nach oben artikuliert wird. Der Wunsch nach der ganzen Bäckerei erscheint in diesem Licht als kreative Selbstermächtigung im Sinne jener Ablehnung, die vorher von sozialen Bewegungen in ganz Europa auf die Straßen gebracht wurde : „Wir zahlen eure Krise nicht!“
Es wäre zu kurz gegriffen, anzunehmen, dass die Kosten der Krise ausschließlich auf Steuerpflichtige abgewälzt und über Kürzungen eingebracht werden würden. Der Umbau des Bildungssystems war ökonomisch von der Vorstellung getragen, Schulen und Hochschulen müssten funktionieren wie korporative Betriebe; ein Effekt der Krise besteht darin, dass Schulen von korporativen Betrieben geführt werden sollen. So berichtet etwa das Wallstreet Journal in seiner Online-Ausgabe, dass sich der internationale Medien-Konzern Bertelsmann aus seinen Beteiligungen bei Sony zurückgezogen hat – mit der Absicht, künftig in Bildung zu investieren, da dieser Bereich höhere Rendite verspreche als das Musikgeschäft.* Bildung rentiert sich vor allem auf Kosten der Auszubildenden; in Australien hat dieser simple Umstand den Angaben des nationalen Statistikbüros zufolge die Bildungsdienstleistungen mittlerweile zum drittgrößten Sektor der Exportwirtschaft nach der Kohle- und Stahlproduktion gemacht.**
Das Geheimnis der erhöhten ökonomischen Rendite, die Bildung neuerdings abwerfen soll, versteckt sich in so harmlosen und gemeinverständlichen Schlagworten wie „lebenslanges Lernen“ und „permanente Weiterbildung“. Gemeint sind damit aber durchaus nicht aufklärerische und emanzipatorische Ideen von Weiterbildung, die üblicherweise mit dem Konzept der Humboldt-Universität in Zusammenhang gebracht werden. Intendiert ist vielmehr, eine lebenslange Selbstverpflichtung ins eigene kulturelle und symbolische Bildungskapital zu investieren, um am Jahrmarkt der kognitiven Fähigkeiten attraktiv zu bleiben. Im Zuge des heiß diskutierten Bologna-Prozesses bedeutet dies, dass Modelle angedacht werden, die eine konstante Neubewertung der bereits erreichten Bildungsqualifikationen beinhalten. Konkret hieße das etwa, dass AbsolventInnen von Kunstschulen in regelmäßigen Abständen kostenpflichtige Kurse besuchen müssten, um ihre Qualifikationen als KünstlerInnen unter Beweis zu stellen. Ungefähr so, als ob Führerscheinprüfungen alle Jahre erneut bezahlt und abgelegt werden müssten, um weiterhin Autos lenken zu dürfen… Festzuhalten bleibt, dass solche Überlegungen keiner Augenblickslaune entspringen, sondern vielmehr Teil von längst in Gang befindlichen gesellschaftspolitischen Prozessen sind: „Denn wie das Unternehmen die Fabrik ablöst, löst die permanente Weiterbildung tendenziell die Schule ab, und die kontinuierliche Kontrolle das Examen.“ 1
Wie aber sieht nun der aktuelle Widerstand dagegen aus – jenseits der plakativen Slogans, von denen bisher die Rede war? Die Entscheidungsprozesse im Streikkontext finden durchwegs in kollektiv-demokratischen Foren statt, den regulären Plenas. Konkrete Aufgaben und Problemstellungen werden an Arbeitsgruppen delegiert, um die Beteiligung möglichst vieler Personen zu fördern. Dieses Anliegen, die allgemeine Debatte offen für unterschiedliche Positionen zu gestalten, hat zur Entwicklung nicht-hierarchischer Kommunikationsformen geführt, deren augenscheinlichster Ausdruck in der Weigerung besteht, einzelne SprecherInnen zu legitimieren. Dagegen wird versucht, ein möglichst konsistentes Rotationsprinzip aufrecht zu erhalten. Ein weiterer bedeutender Aspekt besteht in der Dezentralisierung der Entscheidungsprozesse: Die im Zuge des Bologna-Prozesses vorangegangene Ent-Demokratisierung der universitären Gremien hat zu einer weitgehenden Delegitimierung der offiziellen Standesvertretungen geführt und etwa die RepräsentantInnen der österr. HochschülerInnenschaft auf die Ränge von KommentatorInnen und ZuschauerInnen verwiesen. Bisher haben sich die etablierten Institutionen staatlicher Bildungspolitik als unfähig erwiesen, mit dieser neuen Situation politischer Selbstermächtigung umzugehen: Im sogenannten Bildungsdialog, zu dem vom Bildungsministerium anlässlich einer Besetzung des Burgtheaters geladen wurde, sind fast ausschließlich offizielle RepräsentantInnen vertreten, die wenig oder gar keinen Kontakt zu den basisdemokratischen Streikplenas unterhalten und darüberhinaus bemüht sind, die gesamtgesellschaftliche Dimension der Bildungsproteste auszublenden und bestenfalls auf Veränderungen im universitären Bereich einzuschränken.
Die ökonomischen Beben, die die Krise der Finanzsysteme auslöste, zeitigen ihre Nachbeben in einer Legitimitätskrise der politischen Institutionen und finden ihre sensiblen Seismographen in der so genannten Krise des Bildungssystems in Form von Studierenden, die – anstatt die Haltungen einer Avantgarde von prekarisierten EigenunternehmerInnen einzuüben – ihre Bildungsinstitutionen besetzen und zu Orten der Diskussion, der Herausforderung institutioneller Politik machen und sie für die Wiederaneignung von Ressourcen reklamieren. Angsichts dieser Entwicklungen sind wir, Studierende, Lehrende, Schulerhaltende und politisch Verantwortliche allesamt aufgefordert, Kunstschulen neu zu definieren – als Orte von künstlerischen Praktiken, die über ihre Interventionen in einer Welt nachdenken, in der sie etwas verändern, etwas bewirken können.

Mit streitbarem Dank an Lina Dokuzović und Eduard Freudmann.

*    http://wallstreet-online.de/nachrichten/nachricht/2488718.html
** http://www.isana.org.au/files/AEI%20March%20sshot%20expt%20income.pdf
1 Gilles Deleuze: „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“, in: Unterhandlungen, Fft/M. Suhrkamp 1993, S. 257